BrustkrebswissenFrüherkennung & Diagnose

Auch Männer können Brustkrebs haben

Männer mit Brustkrebs gibt’s nicht! Das habe ich geglaubt, bevor es mich erwischt hat. Lange bevor die Erkrankung diagnostiziert wurde, bemerkte ich bereits, wie sich die Mamille meiner rechten Brust schräg einzog. Ich fand das nicht schön, maß dem aber keine Bedeutung bei – Brustkrebs ist ja nur etwas für Frauen, so dachte ich.

Beim Renovieren des Hauses habe ich mir eine kleine Verletzung an der Brust zugezogen und als ich die Stelle abtastete, entdeckte ich plötzlich einen Fremdkörper unter der Haut, etwa so groß wie eine Walnuss. Er ließ sich ohne Schmerzen hin und her bewegen. Das war im Juli 1997. Ein befreundeter Chirurg empfahl: „Das muss raus, egal was es ist.“ 

Nach der OP dann die Diagnose: Brustkrebs mit Lymphknotenbefall, somit waren die Aussichten auf eine Heilung bereits nicht mehr sehr günstig.

Im Tumorzentrum bekam ich hinsichtlich der Therapie die unterschiedlichsten Meinungen zu hören. Eine Strahlentherapie sollte ich erhalten, eine Chemotherapie sei nicht nötig. Zwei Jahre lang erhielt ich auch eine Hormontherapie.

Dann wurde eine Metastase im Kreuzbein entdeckt. Sie drückte auf die Nervenstränge des Rückenmarks und verursachte schlimme Schmerzen sowie auch beinahe die Lähmung des rechten Beins. Die sofortige OP gab mir meine Bewegungsfreiheit zurück. Eine Kortisonbehandlung und wieder eine Strahlentherapie folgten. Auch der Beckenbereich musste später noch bestrahlt werden. 

Inzwischen habe ich Metastasen an vielen Stellen des Skeletts. Chemotherapie habe ich auch versucht, aber erfolglos abgebrochen. Ich denke heute, wenn ich gleich zu Anfang 1997 eine Chemotherapie erhalten hätte: meine Chancen wären besser gewesen.

Was ich anderen Männern sagen würde? Jeder Mann – zumindest im Alter ab 50 – sollte seine Brust von Zeit zu Zeit selbst abtasten und sich bei Auffälligkeiten nicht scheuen, einen Arzt aufzusuchen.

Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass es Ärzte gibt, die von Brustkrebs beim Mann nie etwas gehört haben, also: nicht abspeisen lassen! Zwar erkrankt nur einer von 100.000 Männern, laut Overlake Healthscape Infobank, an Brustkrebs. Dennoch: Männer kann es genauso wie die vielen Leidensgenossinnen treffen.

Nicht gerade angenehm empfinde ich, dass es keine spezialisierten „Männerärzte“ für männlichen Brustkrebs gibt. Der Aufenthalt im Wartezimmer des Frauenarztes ist mir nicht immer angenehm. Tipp hier: Am besten, die Frau mitnehmen, falls vorhanden.

Und noch ein wichtiger Tipp: Von Anfang empfehle ich jedem Mann mit Brustkrebs, eine eigene Krankenakte anzulegen mit allen Befunden und Untersuchungsergebnissen. So verliert man bei unterschiedlichen medizinischen Anlaufstellen nicht den Überblick. Sehr hilfreich finde ich auch ein Diagramm, bei dem auf der Waagerechten das Datum und auf der Senkrechten die Tumormarker eingetragen werden können. Zumindest bei mir verlief die Krankheit bis jetzt fast konform mit dem Ansteigen oder Fallen dieses Tumormarkers. Wenn in diesem Diagramm zusätzlich noch die Therapie und Medikamente vermerkt sind, hat man selbst und der behandelnde Arzt in wenigen Augenblicken einen guten Überblick über den gesamten Verlauf der Erkrankung. Das kommt nach meinen Erfahrungen der Beratungs- und Behandlungszeit zugute. Von allen behandelnden Ärzten wurde dieses Diagramm als sehr wertvoll bezeichnet und zu den Patientendaten genommen.

Wie auch für Frauen, gilt auch für die Diagnose Brustkrebs beim Mann: nichts übereilen – wenn der Krebs entdeckt ist, war er schon lange Zeit vorhanden und auf einige Tage kommt es nicht mehr an. Es bleibt Zeit, sich die beste – möglichst hochspezialisierte – Adresse zur Behandlung der Erkrankung zu suchen. 

Dringend erforderlich ist es, auf die Verwahrung des Tumorgewebes möglichst bereits vor einer Operation ein Augenmerk zu legen. So wurde bei mir versäumt, den HER2-neu-Status zu bestimmen. So konnte er erst bei der zweiten OP festgestellt werden.

Eckard Retlow